LeDeWe - Lesung des Westens, Gleditschstraße 5, (am Winterfeldtplatz), 10781 Berlin
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Kompliment
Labude (13.04.2008)
Ich habe neulich nachgedacht. Sie werden jetzt wahrscheinlich sagen: „Labude? Nachgedacht?“ Doch, doch, das passiert hin und wieder und meistens kommen dabei völlig bedeutungslose Zusammenhänge heraus. Wie zum Beispiel neulich eben, als ich über „Germany’s Next Topmodel“ nachgedacht habe. Ich habe mich gefragt, warum die Leute sich das ansehen. „Leute“ ist vielleicht etwas zu undifferenziert, denn es sind praktisch ausschließlich weibliche Zuschauer, die sich diese Sendung ansehen. Es erscheint auf den ersten Blick widersinnig: Man sollte meinen, dass ein Fernsehprogramm, in dem jedem Menge rehäugiger, engelsgleicher Mädchen mit perfekten Brüsten und cellulitefreien Oberschenkeln zu betrachten sind, ausschließlich von Männern gesehen wird. Ich selbst habe die Sendung einmal gesehen. Es muss ziemlich am Anfang der Staffel gewesen sein, denn es waren noch ziemlich viele rehäugige und cellulitefreie Mädchen im Rennen. Es gab ein paar Zickereien, ein Fotoshooting, wo liebe 16jährige zu männermordenden Vamps gepimpt wurden und eine „Jury“, die das ganze „absolut hot“ fand, aber erst einmal das Gegenteil behauptete, bis der Kandidatin die ersten Tränchen aus den Rehäuglein rollten.
Männer sehen sich das also nicht an, wenn sie nicht gerade mit Fieber im Bett liegen und beim Zappen hängen bleiben, wie ich an diesem Tag. Recherchen in meinem Bekanntenkreis haben folgendes Bild ergeben: Der Zuschauerkreis rekrutiert sich aus einem vollständigen Querschnitt der weiblichen Bevölkerung vom Teenager bis zur, sagen wir, Mittdreißigerin. Aus allererster Hand weiß ich, dass unter den Zuschauerinnen wirklich hübsche - ach was! schöne! - Frauen sind. Frauen mit wirklich fast ohne Cellulitis und Rehaugen in allen Farben. Vielleicht nicht topmodelschön, aber definitiv schön und – anders als die Mehrzahl der Kandidatinnen – klug und gebildet. Und ich frage mich: „Warum tun die das? Warum sehen die sich das an? Ist es weiblicher Hang zur Selbsterniedrigung?“ Ich habe, wie gesagt, darüber nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sie es aus genau dem gleichen Grund tun, aus dem ich gerne zu Lesebühnenveranstaltungen gehe.
Die “Lesung des Westens” ist eine Lesebühne. Sie gastiert jeden Sonntag im Puppentheater Hans Wurst Nachf. am Winterfeldtplatz in Schöneberg. Mit den Lesebühnen in Berlin ist es ein bisschen so wie mit den Striplokalen am Montmartre. Es gibt einen Haufen davon (so 10 bis 15) und in den meisten treten nach dem Rotationsprinzip die gleichen Künstler auf: junge Berliner Autoren, die kurz vor ihrem literarischen Durchbruch stehen. Manche schon seit vielen Jahren. Im Gegensatz zu den Stripperinnen am Montmartre sind die Autoren allerdings wirklich talentiert. Und das, was ich in der LeDeWe (ja, den Krach mit dem fast gleichnamigen Kaufhaus hatten sie schon) sehen und hören durfte, war richtig gut und sehr witzig. Meine Begleitung und ich haben uns köstlich amüsiert. Ich kann das wirklich empfehlen. Es ist ein großartiges, preiswertes und nettes Erlebnis. Alles war sehr familiär. Am Autorentisch wurde Rotwein verschüttet, in der Pause rauchte man draußen mit den Darstellern und anschließend gab es, weil es eine Premiere war, exzellente Schnittchen. Und mir war klar, dass die, die da vorlesen, ohne jeden Zweifel besser schreiben können als ich.
Genau das ist der Punkt. So wie Raquel, Christina, Janina oder Sarah niemals wirklich ein Topmodel sein werden, also Kaliber Cindy Crawford oder Claudia Schiffer, so werden diese Autoren niemals berühmte Schriftsteller sein. Sie werden vielleicht mal einen kleinen Literaturpreis kriegen, vielleicht mal den Stadtschreiberposten in Potsdam oder einen Achtungserfolg nach einer freundlichen Rezension in der TAZ. Aber ganz oben, da wo die Schlinks, die Kaminers oder die Max Goldts schweben, werden sie leider nicht landen. Und genau das gibt mir das gute Gefühl, dass es gar nicht so schlimm ist, literarisch gesehen keinen ganz perfekten Hintern zu haben.
Kategorie: Schriftstellercasting, eines der Wenigen im Westen
Jeden Sonntag 19.30 Uhr, Eintritt 8 €, ermäßigt 5 €
Stichworte schöneberg, lesebühne, schriftsteller, winterfeldtplatz, cellulitis, perfekte hintern
Kommentare (8) Bedenklicher Inhalt?Ach was, Dein Text hätte keinen perfekten Hintern, nein, Dein Text ist absolut Cellulitis-frei und die Schönheit, die findet sich im Auge des Betrachters. Der ist nämlich schön, Dein Text.
... hat ein bisschen was von Dynamitfischen, Dein Textende. :)
Von mir nur soviel:
Schön kurvig, Dein Bericht, Labude …
Bäh!
Sein Licht unter den Schemel stellen, Labude, lies da auch mal vor und geh nicht nur die Anderen anschauen.
P.S. Rehäugiger, engelsgleiche Mädchen mit perfekten Brüsten und cellulitefreien Oberschenkeln zu betrachten ist doch langweilig. Kann ich nur zustimmen.
Ich find prima, dass Du Deine etwas vorschnelle Bemerkung über das Publikum gewisser Fernsehsendungen nochmal differenziert hast.
Sehr sexy.
Meine Damen und Herren, sehen Sie hier: eine Labudesche Serpentine. :)
Sag mal: schreibst Du für eine Zeitung? Oder ein Magazin? Oder an einem Buch? Nicht?? Solltest Du aber!!
Hmmmm, dankeschön!