Malatesta Caffé e Ristorante, Charlottenstr. 59, 10117 Berlin
Kompliment
Labude (19.04.2008)
Nachdem ich mich in der vergangenen Woche schon mit cellulitefreien Schenkeln und festen Brüsten befasst habe, wird man mir diese Woche wahrscheinlich vorwerfen, ich hätte einen ziemlich eingeschränkten Themenkreis. Denn wieder geht es um ein eindrucksvolles Dekolletee: das von Angela Merkel.
Das große Thema der vergangenen Woche kann ja an niemandem vorbeigegangen sein. Angela Merkel ist zur Eröffnung des neuen Osloer Opernhauses in einem Kleid erschienen, dessen Ausschnitt, von Oslo aus gesehen, kurz vor Neapel endete und unterwegs den Blick auf ein eindrucksvolles Alpenpanorama freigab. Das Rauschen im Blätterwald war immens. Aber: kaum eine Stimme fand den Auftritt wirklich daneben. „Gewagt“ war schon die schärfste Kritik an den Freischwingern.
Es ist wirklich faszinierend, diese Kanzlerin wird inzwischen für so schlau gehalten, dass man gar nicht mehr fragt, OB sie sich dabei etwas gedacht hat, man rätselt nur noch WAS es war. Der Pressesprecher hat im Kanzleramt zu seiner Chefin gesagt: „OK, ich geh da raus und behaupte, es sollte gar nichts bedeuten, die Kanzlerin hat einfach in ihren Kleiderschrank gegriffen. Aber kein Schwein wird mir das abkaufen.“ Die Kanzlerin hat darauf geantwortet: „Dann grinsen Sie einfach dabei!“ und das hat er dann auch gemacht.
Nun, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Ich sage Ihnen, was es war. Beck hatte seit mehr als einer Woche kein Fettnäpfchen mehr getroffen, Steinmeier hatte sich mit Videos und europäischen DJ’s in Berlin beliebt gemacht und Steinbrück sich als konsequenter Haushaltsexperte profiliert. Merkel wusste, dass sie irgendwie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste. Und was wäre dafür geeigneter als Kanzlerinnenmöpse. Mit denen hat sie eine Operneröffnung zu einem Weltereignis gemacht und die Jungs in Berlin standen plötzlich da wie auf dem Schulhof mit Fußball-Sammelkarten aus der letzten Saison. Merkel hat perfekt begriffen, wann man wo wie erscheinen muss, um die richtigen Zeichen zu setzen.
Sie würde auch für ein Treffen niemals das falsche Restaurant wählen. Nehmen wir an, sie würde wollen, dass am nächsten Tag alle über eine schwarz-grüne Perspektive in der Bundespolitik diskutieren, dann würde sie mit Bütikofer ins Borchardt gehen. Und wo würde die Kanzlerin hingehen, wenn sie nicht auffallen will? Ins Malatesta, Charlottenstraße Ecke Kronenstraße, direkt am Gendarmenmarkt.
Italienische Küche, die Diskretion eines britischen Butlers und das bei einem Preisgefüge, das auch Schotten zufrieden stellt. Das Restaurant hat zwei Etagen. Unten verirren sich auch Touristen hin. Sie können dort, sagen wir als Staatssekretär, mit einem Lobbyisten essen gehen, ohne aufzufallen. Wenn Sie Gesundheitsminister sind und sich mit dem Vorsitzenden des Verbandes der Cigarettenindustrie treffen wollen, müssen Sie nach oben gehen. Dann haben Sie zwar einen wunderbaren Blick auf den Deutschen Dom, müssen aber sonst keine Ablenkung befürchten.
Ich liebe diesen Ort. Mittags gibt es zwei Tagesmenüs für 11 (mit Pasta) oder 17 € (mit Fisch/Fleisch). Pastagerichte kosten um 8 € und sind durchweg empfehlenswert. Gutes Brot gibt’s so dazu und der Liter Pellegrino kostet irgendwas um 5 €. Wenn Sie hin und wieder mittags reservieren, kennt das nette und aufmerksame Stammpersonal Sie bald. Und: nirgendwo in der Gegend können Sie sich für so kleines Geld so inkognito fühlen.
Mittags besser reservieren. Karten akzeptiert.
Stichworte mitte, gendarmenmarkt, inkognito, freischwinger
Kommentare (5) Bedenklicher Inhalt?Wieder was gelernt: das schöne Wort “Freischwinger”. Und den kürzesten Weg aus dem Dekolleté ins Restaurant. Danke, Labude; das ist Berlin aus anderer Perspektive.
Das Kanzlerinnenmöpse so viel Wirbel schaffen, heißt doch nur, wir haben nicht wirklich irgendwelche Probleme über die wir sonst reden müssten. Ich finde den Auftritt gut, irgendwie muss man ja den Winter verjagen.
möpse sind immer gut. ich hab einen flatcoatet.
Während in Frankreich der Regierungschef sich schon neu verheiraten muss, damit über Möpse geredet wird, schafft unsere Kanzlerin das ganz alleine!
Aber sag mal: 17 Euro für ein Mittagessen nennst du kleines Geld zum Schottenpreis?
Naja … wenn es sich zum Beispiel um eine Artischockencremesuppe und Maispoulardenbrust in Salbeibutter handeln würde und das ganze am Gendarmenmarkt stattfindet, würde ich das schon unter “ziemlich außergewöhnlicher Preis” einstufen.