Bewertung zu Witwe Bolte von Labude

Witwe Bolte, Uhlandstr. 133, 10717 Berlin

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Qype Advanced Insider 1961
Benutzerfoto: Labude

Labude

Kompliment Labude (04.05.2008) 4

Vergangene Woche habe ich Post vom ADAC bekommen. Es war ein dicker Umschlag mit Schleifen und goldener Verzierung darauf. Und anders als sonst, wenn ich Post vom ADAC bekomme, habe ich mich diesmal sogar gefreut und den Umschlag nicht sofort ungeöffnet weggeworfen. Ich hätte es besser getan, dann wäre mein Tag nicht ganz so versaut gewesen, aber dazu später.

In dem Haus, in dem ich wohne, gibt es eine sehr praktische Einrichtung. Direkt neben den Briefkästen hängt ein großer Papierkorb. Deswegen gibt es in unserem Haus kaum Bitte-keine-Werbung-Aufkleber. Im Grunde sind die ganzen Postwurfsendungen nämlich sehr unterhaltsam. Was erhält man denn sonst noch an Post? Es sind immer und ausschließlich schlechte Nachrichten. Rechnungen, Steuerbescheide, Mahnungen, gebührenpflichtige Verwarnungen vom Polizeipräsidenten, Mitteilungen, dass morgen zwischen 8 und 16 Uhr die Therme kontrolliert wird und dass man wahnsinnig viel bezahlen muss, wenn man dann nicht zuhause ist. Ach ja, und natürlich Benachrichtigungen des Zustellers, dass das Buch von Amazon nicht zugestellt werden konnte. Ich meine, warum kann der faule Sack es nicht bei irgendjemand im Haus abgeben? Die Rentnerin in der ersten Etage hat das Haus seit 1976 nicht verlassen! Sie sitzt immer am Fenster und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch lebt, denn sie hat mich neulich gegrüßt. Warum geht dieser völlig nutzlose Vertreter seiner Art nicht eine Etage hoch und gibt das Buch ab? Ich verstehe es nicht.

Da lobe ich mir die Postwurfsendungen. Man wird frei Haus über die aktuellen Modetrends („Kleidung clever kaufen bei KIK“) informiert und mit der kostenlosen Wochenzeitung weiß man Bescheid, welche öffentlichen Grünflächen derzeit so vom Baustadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf eingeweiht werden. Selbst wenn ich die Wirtschaftsseiten der Tageszeitung nicht lesen würde, wüsste ich doch, dass die Metallpreise steigen, denn in letzter Zeit finde ich verstärkt Werbezettel von Altmetallaufkäufern. Ehrlich, ohne meinen Briefkasten voll Postwurfsendungen würde ich mich ein Stück weit von der Außenwelt abgeschnitten fühlen.

Es gibt nur wenige Dinge in meinem Briefkasten, die noch entnervender sind, als die Amazon-Benachrichtigung und der Steuerbescheid: Post vom ADAC. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht auf die sensationellen, exklusiven Sonderangebote für Mitglieder hingewiesen werde. Versicherungen, Kredite, Reisen. Und dann natürlich die „Motorwelt“. Die Motorwelt wäre ohne jeden Zweifel noch hinter dem Trucker („Trucker wählt den Supertruck 2008“) die schlechteste Motorzeitung der Welt. Aber sie ist überhaupt keine Motorzeitung, sondern ein Anzeigenblatt für FKK-Urlaub und Treppenfahrstühle. Man kann mit ihr wirklich nichts anfangen, als sie sofort wegzuwerfen. Was für ein Verbrechen an der Natur, dass für dieses Machwerk auch nur ein einziger Baum sterben muss.

Nun also der dicke Briefumschlag vom ADAC. Ich ahne, was drin sein könnte und erinnere mich: Mein Vater war seit 25 Jahren Mitglied und erhielt eine schöne weiß-goldene Plakette. Ich erinnere mich noch genau, wie wir am Küchentisch diskutiert haben, ob sie am Kühlergrill unseres Ford Taunus befestigt werden soll. Meine Brüder und ich fanden sie toll, mein Vater spießig. Hier muss ich einräumen, dass ich mittlerweile selbst 25 Jahre beim ADAC bin. Ähm, also, ja, nun, ich bin halt sehr jung beigetreten. Jedenfalls war ich sicher, dass ich in dem Umschlag eine schöne, schwere, weiß-goldene Plakette finden würde. Es war echte, ehrliche Vorfreude.

Aber was bekomme ich? Ein Angebot auf Abschluss eines Kreditkartenvertrages! Mastercard mit ADAC-Aufdruck! Ein Jahr keine Gebühren. Ist das zu fassen? Es gibt nur zwei Dinge, die mir öfter ungefragt angeboten werden als Kreditkartenverträge: Viagra und Penisverlängerungen.

Daran sehen Sie, liebe Leser, dass in den vergangenen 25 Jahren vieles wirklich sehr ernsthaft heruntergekommen ist. Und man freut sich, wenn etwas nach vielen Jahren noch zuverlässig gut ist. Wie zum Beispiel die Witwe Bolte.

Wir finden diese Berliner Institution am toten Ende der Uhlandstraße. Wenn Sie vom Ku’damm kommen, gehen Sie, bis Sie denken, die Straße ist zu Ende, dann noch 200 Meter. Was immer für diese nette, urgemütliche Kneipe sprechen könnte – und das ist eine Menge, man kommt doch nur aus einem einzigen Grund immer wieder her: das sensationelle Knusperhuhn. Es gibt in Berlin kein besseres halbes Hähnchen. Das ist keine Bewertung, sondern eine objektive Feststellung, Es ist würzig, außen knusprig wie ein Baywatch-Model und innen saftig. Das ist alles. Seit Jahrzehnten gleich bleibend gut. Ein ehrlicher Genuss ohne falsche Versprechen. Seit über 25 Jahren. Daran sollte sich der ADAC ein Beispiel nehmen.

  • * *

Das Knusperhuhn gibt es mit Fladenbrot für etwa 6 €. Keine Kreditkarten, besonders nicht die vom ADAC. Geöffnet ab 16.00 Uhr.

Die ADAC-Plakette kann man für 25 € im Online-Shop des bayerischen ADAC kaufen. Frechheit.

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Kommentare (13) Bedenklicher Inhalt?

Kommentare:

Benutzerfoto: vilmoskörte

vilmoskörte

04.05.2008, 17:48

Irgendwann brauchst auch du einmal eine Sitzsauna oder einen Treppenfahrstuhl und dann bist du dankbar, dass du diese praktische Zeitschrift des (west-)deutschen Kleinbürgertums abonniert hast :-)

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Benutzerfoto: Frankenfurter

Frankenfurter

04.05.2008, 18:01

Seit ich bei Dir ein Abo laufen habe, lieber Labude, freue ich mich immer ganz besonders über Deine Post in meinem Qyper-Kästchen. Darin findet man ja auch so manches Mal weniger Erbauliches.
In spätestens 25 Jahren werden Dir die Kollegen in Hamburg sicher eine schöne Plakette anfertigen lassen.

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Benutzerfoto: Labude

Labude

04.05.2008, 18:03

Dann bin ich ja Advanced Qype Methusalem!

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Benutzerfoto: Liesl

Liesl

04.05.2008, 19:20

Das war eine deiner köstlichsten Hinführungen. Mehr mehr mehr …

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Benutzerfoto: Lakritze

Lakritze

04.05.2008, 20:51

Eine richtige Labudesche Serpentine -- und diesmal sogar mit Auto. Bin begeistert!

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Benutzerfoto: Lenz

Lenz

05.05.2008, 20:45

“Sie sitzt immer am Fenster und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch lebt, denn sie hat mich neulich gegrüßt.” Köstlich. Aber auch ein Lob der Witwe Bolte.

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Benutzerfoto: Frankenfurter

Frankenfurter

05.05.2008, 20:57

Habe heute den Briefkasten geöffnet und was fällt mir entgegen ?
Na klar, die Motorwelt. Schon lange nicht mehr so aufmerksam durchgeblättert.
Was soll ich sagen ? Habe 13 Anzeigen zu Treppenliften gezählt und kein einziges Oböna-Inserat !
Die ADAC-Motorwelt sagt eben mehr über die Entwicklung der deutschen Gesellschaft aus als so manche soziologische Studie.

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Benutzerfoto: Frankenfurter

Frankenfurter

05.05.2008, 21:04

Moment, ist ganz schön dick…

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Benutzerfoto: Frankenfurter

Frankenfurter

05.05.2008, 21:06

Nee, aber Eigenhaarverpflanzungen und Anhängerkupplungen sind im Trend.

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Benutzerfoto: VerenaAnna

VerenaAnna

13.05.2008, 11:15

“Es gibt nur zwei Dinge, die mir öfter ungefragt angeboten werden als Kreditkartenverträge: Viagra und Penisverlängerungen.”
Wunderbar, ich habe laut gelacht! Erst. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich das auch täglich angeboten bekomme. Erst heute zwei Mal per Internet. Sollte ich mir Gedanken machen…?

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Benutzerfoto: VerenaAnna

VerenaAnna

13.05.2008, 11:32

Ein RIESENTIPP buchstäblich. Da hab ich ja noch nie drüber nachgedacht.
Ich muss allerdings zugeben, dass ich regelmässig meinen Spamordner kontrolliere, ob da nicht “richtige” Mails reingerutscht sind. Und da treffe ich dann auf Viagra und Co.

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Benutzerfoto: Jürgen

Jürgen

19.05.2008, 17:49

Ach ja, die Witwe Bolte mit dem Knusperhuhn… stimmt, Labude, ich erinnere mich. Da war ich bestimmt schon, na, nicht 25, aber doch, ich weiss nicht genau, vielleicht 15 Jahre nicht. Aber das Knusperhuhn war prima. Und das Andechser auch. (Einmal habe ich’s nicht gut vertragen, da war das dritte noch nicht ganz drin, da wollte das zweite schon wieder zurück. Und das mir!)

Noch weiter unten in der Uhlandstraße, glaube ich, war die kleine total nette Berlin-Bar. Einlaß mit Türklingel und Gesichtskontrolle, ein kleiner Raum mit einem dafür großen Tresen, es gab eigentlich nur Plätze am Tresen. Außer den beiden am Tisch unter der Palme auf dem Weg zum Klo. Die Stimmung war ganz toll, es war wie bei Leuten zu Hause, alle redeten mit allen. Das habe ich geliebt und war doch viel zu selten da.

Aber darüber gibt’s nichts mehr zu schreiben, neulich war ich da, aber die Berlin-Bar nicht mehr. Statt dessen ein Shisha-Lokal. Naja.

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Benutzerfoto: zuja

zuja

21.05.2008, 22:11

Ich lach mich tot und schließe mich Liesl an: ,,Mehr..”

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