Scheinbar Varieté, Monumentenstr. 9, 10829 Berlin
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Kompliment
Labude (16.05.2008)
Menschen, die heute jünger als, sagen wir 35 sind, haben einfach Glück gehabt. Gnade der späten Geburt. Ihnen ist schreckliche Schuld erspart geblieben. Sie sind nicht in Versuchung geführt worden. Für sie hat sich niemals die Frage gestellt, ob sie den grauenhaften Geschmacksentgleisungen der 80er Jahre erliegen sollten. Ich bekenne: ich habe einiges davon mitgemacht. Ich hatte einen Baumwolloverall. Ich hatte einen drei Zentimeter breiten Schlips aus Glattleder. Ich fand Talk Talk cool. Kein Jahrzehnt hat so viele unendlich scheußliche Moden erlebt wie die 80er.
Obwohl. Wenn ich an Rod Stewarts Seidenbluse aus den 70ern denke. Ja. Ähm. Er hatte auch einen rosa Paillettenblazer.
Ich glaube, wenn wir wirklich gut nachdenken, finden wir für jede Epoche völlig abseitige Moden. Hinterher lachen wir drüber. In ein paar Jahren werden wir zum Beispiel über die gegenwärtige Mode lachen, Spargel „mit Biss“ zu kochen. „Mit Biss“ ist ein Euphemismus. Er steht für selleriestangenknackig. Nun ist es mit Spargel allerdings so, dass er selleriestangenknackig einfach nicht schmeckt. Ich war neulich mit einem russischen Geschäftsmann (ich glaube, Import und Export von Immobilien) im Borchardt essen. Ich hatte ihm lange die geschmacklichen Unterschiede zwischen Oberrheinischem und Beelitzer Spargel erklärt. Nachdem er die erste Stange gegessen hatte, fragte er mich, ob Beelitzer Spargel eigentlich immer so hart ist. Ich habe mich geschämt. Borchardt ist eigentlich ein netter Ort, aber indem sie dieser albernen Mode nachgelaufen sind, Spargel hab roh zu servieren, haben sie mich bloßgestellt. Ich werde Spargel ab sofort nur noch „klassisch-zart“ bestellen und wenn er dann doch „mit Biss“ kommt, werde ich dem Kellner erklären, dass ich vom Spargel nicht gebissen werden will.
Eine andere Mode ist, dass Comedy zum großen Fernsehevent geworden ist. Wie viele Comedy-Shows gibt es eigentlich zurzeit im Privatfernsehen? Ich glaube, dass auch diese Mode wieder vergehen wird, so wie „Dalli Dalli“ und „Wunderbare Jeanny“ vergangen sind. Und Comedy wird zurückkehren auf die kleine Bühne. Je kleiner desto besser. Am besten ins Scheinbar-Varieté. Das wird es dann immer noch geben und es wird sein, wie es vor der Mode war. Winzig, familiär, liebenswert. Platz für 40 Gäste. Wenn man sich mag, ein paar mehr.
Das Herzstück der Scheinbar ist das Open Stage Varieté. Jemand führt durch das Programm – im Moment zum Beispiel CloOzy (beantwortet noch alle Spam-Mails persönlich), Bartuschka (amtierende slowakische Langstreckenpantomimeweltmeisterin) oder Werner Kreini (der Dean Martin der Monumentenstraße). Andere treten auf; jonglieren, machen Akrobatik in einer Mülltonne oder sonst irgendeinen Unsinn. Unbekannte, die sich blamieren wollen, Kleinkunstreisende, die gerade in der Stadt sind oder bekannte Gesichter, die Nummern für ihre nächste Tournee testen.
Weil ich ja mittlerweile „Advanced Insider“ bin, würde ich gerne einen echten Insidertipp geben, nämlich, wie man der Mitmachnummer entgeht. Die Mitmachnummer ist der Teil von Comedy, wo die Zuschauer über den Akteur auf der Bühne nicht mehr lachen wollen und man sich deshalb über jemanden aus dem Publikum lustig macht. Ich bin ein Mitmachnummermagnet. Der einzige sichere Weg, der Mitmachnummer zu entgehen, ist also – mit mir hinzugehen.
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Open Stage gibt es immer Mittwoch bis Samstag. Eintritt 7 € - 8,50 €. Am Wochenende unbedingt reservieren. Zigarettenpause auf der Straße.
Stichworte schöneberg, comedy, mitmachnummer, harter spargel
Kommentare (9) Bedenklicher Inhalt?Was musstest Du denn bei der Mitmachnummer machen?
Melde mich dann hiermit unverbindlich bei Dir an, zum Spargelessen wie auch zum Mitmachen.
Früher mochte ich Spargel nie so richtig, und ich wunderte mich, warum den alle so toll fanden. Bis ich den mal nicht durch und durch weichgekocht bekam, sondern noch ein biß(!)chen knackig. Seitdem liebe ich Spargel. Nur zu weich darf er nicht sein. Dann schon lieber beim Schälen ein paar Stangen roh wegknuspern.
Gute Strategie! Wenn nur genügend andere mit Dir ins Varieté gehen, ist vielleicht irgendwann ein stärkerer Mitmachnummermagnet dabei.
Und am verstörendsten an Rod Stewart finde ich diese Plüschtierfrisur. Mit Abstand.
Dann hast du nicht auf Rods Hintern in der Seidenhose geachtet ;)
Wo Du wieder denkst, daß ich hinschaue! (Der Hintern verblaßt sowieso völlig gegen diese Frisur. Ehrlich.)
Ich würde nicht so schnell den Stab über Rod brechen, denn - der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler - und wir haben alle angebissen. Also ich nicht - ich stand mehr auf NDW… aber Ihr!
Bitte nix auf Roddy. Er trug mal in den 70ern in der Waldbühne eine Jeansjacke mit Tigerfellkragen und ein Berlin-Wappen-Aufnäher am Ärmel.
Ich wünsche mir noch heute sone Jacke.
Und zur Mitmachnummer:
Ich wurde mal eine Zeit lang, allerdings immer ziemlich vorne sitzend, wirklich jedesmal zum Irgendwasmitspielen auf die Bühne geholt.
Die Nasevollhabend setzte ich mich im Saal der UFA-Fabrik in Reihe 37, Mitte.
Ich will Euch nicht erzählen, wen sie als einzigen Publikumskasper auf die Bühne zerren wollten.
Dein Avatar im Baumwolloverall-wow! Haben wir uns beide neulich nicht auf einer dieser unsäglichen 30up Party im Börsenkeller getroffen?