Orpheus und Eurydike, Alsterufer, Hamburg
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01.09.2008
Orpheus war der Rockstar des alten Griechenlands, seine Soli auf der Lyra brachten nicht nur die Menschen sondern sogar die Tiere zum Tanzen, und angeblich weinten sogar die Felsen ob seines schönen Gesanges (obwohl das natürlich auch gute PR sein kann: Wenn Felsen weinen würde man eigentlich erwarten, dass der Gesang eher übel gewesen ist…).
Geheimnis seiner Kunst war natürlich nicht Talent sondern wie immer im antiken Hellas göttlicher Einfluß. Apollon hatte nämlich die alte Lyra satt, die ihm sein Halbbruder Hermes gegeben hatte und entsorgte sie als Geschenk an Orpheus, der damit natürlich glänzen konnte. Er war schon Königssohn, daher musste er nicht unbedingt Karriere machen, aber bei Kriegszügen konnte er dann angeblich noch so hypnotisch spielen, das er Feinde besiegte und das wütende Meer zur Ruhe brachte. Klar, dass er da eine besondere Braut als Tour-Girl brauchte: Eurydike war nicht irgendein dahergelaufenes Groupie, sondern ein waschechte Nymphe. Die Romanze dauert aber nur kurz, denn ein unpassenderweise Aristaios genannter Typ versuchte sich ihr aufzudrängen, sie floh und stolperte über eine Giftnatter, die eigentlich Siesta machte, aber doch ihren appetitlichen Fuß nicht links liegen ließ. Damals gab es noch gefährliche Giftschlangen in Griechenland wie es scheint- auf jeden Fall verschied Eurydike schnellstmöglich.
Orpheus sah das aber nicht ein. Er war doch Königssohn und Liebling der Götter – also warum sollte sich nicht so ein Schlangenbissresultat rückgängig machen, wenn man schon Apollons alte Leier besaß? Also nahm er sein Instrument und rückte Hades auf den Leib, der sich schnell ergab, wieder angeblich wegen der Schönheit des Gesanges und des Spieles – aber wenn man an Goscinnys Troubadix denkt, kommen da auch andere Versionen in Frage. Hades aber machte eine Bedingung: Orpheus dürfe sich beim Herauswandern aus der Unterwelt nicht zu seiner Geliebten umdrehen – diese kleine Anforderung war natürlich zu viel für den erfolgsverwöhnten Star und er dachte anscheinend, dass er mit allem durchkäme. Kam er nicht – Eurydike musste wieder zurück ins Reich der Toten und danach gab es auch für Orpheus keine Extrawürste mehr, er wurde bald darauf von exzessiv feiernden Mänaden, das waren die Groupies von Dionysos, dem Weingott, in der Luft zerrissen. Sein Kopf soll ins Meer gefallen sein und so lange weiter gesungen haben, bis Apollon kam und sagte, jetzt sei es aber genug – Mäßigung und Demut war anscheinend nicht Orpheus´ Ding…. Im Nachhinein machten ihn dann andere Sagen zum Sohn Apollons und Kalliopes (der Muse der Musik), der liebestolle Ovid, der sicher auch dem Dionysos frönte, dichtete ihm gleich eine ganze Schar hübscher Nymphen an…
Wie auch immer. In Hamburg steht Orpheus mit Eurydike aus Bronze am Ufer der Aussenalster, Einen rechten Sinn für diese Aufstellung erschließt sich nicht sofort, vielleicht ist die Nähe zum Wasser Anspielung auf seinen singenden Kopf im Meer oder die Tatsache, dass manche Quellen einen Flußgott qals seinen Vater aufführen. Auch die nahe Musikhochschule könnte mit der Skulptur markiert worden sein. Vermutlich aber brauchte man einfach einen Platz für öffentliche Kunst und zwar für die Statuen der Internationalen Gartenausstellung von 1963, die um 1970 vom ursprünglichen Standort in den Wallanlagen aus über ganz Hamburg verteilt wurden. Anlaß für diese Umverteilung war vermutlich die IGA 1973, die anzunehmenderweise nach moderneren Skulpturen verlangte und die figürlichen Darstellungen verbannte.
Dabei ist die Version von Ursula Querner nicht gerade fotorealistisch zu nennen. Die Figuren wirken sehr lang gezogen, hager, überschlank, eine Anspielung auf Giacometti scheint auf der Hälfte des Weges gefroren – die Gesichter wirken hingegen naiv und rundlich, kinderhaft – vielleicht soll hier eher der unschuldigen Liebe des Paares gehuldigt werden als der flatterhaften Persönlichkeit des Orpheus. In jedem Fall hält er seine Lyra zwar in der Hand, macht aber gerade keine Musik. Mir persönlich ist die Darstellung zu kalt geraten, zu wenig Bewegung und Emotion liegt in der Form, zu gewollt sind die Linien, zu wenig spontan der Entwurf. Dennoch ist das klassische Thema hier natürlich nichts Schlechtes an sich – und vielleicht kann man aus der Tatsache heraus, dass Eurydike Orpheus nicht etwas folgt, sondern eher neben ihm steht, eine emanzipatorische Ader deuten…?
Wie auch immer – Ursula Querner ist eine Künstlerin, die einen Großteil ihres Lebens in Hamburg verbrachte. 1921 in Dresden geboren kam sie 1937 nach Hamburg und studierte hier und in Lübeck Bildhauerei. Zunächst fabrizierte sie Kruzifixe für die nach dem Krieg notwendige Neuausstattung vieler Kirchen. Ab 1950 war sie zunehmend erfolgreich, richtete ein eigenes Atelier ein und wurde mit einem Lichtwark-Stipendium ausgezeichnet. 1959 folgte der Rom-Preis und mehrere Aufenthalte in Italien (Ponza). 1964 erhielt sie den Edwin-Scharff-Preis, der nach ihrem Lehrer benannt worden war. Ursula Querner schaffte recht schnell, Werke im öffentlichen Raum zu platzieren – mittlerweile stehen ihre Skulpturen in vielen großen Kunsthallen. Sie selbst starb bereit 1969 an Krebs und ist eine der wenigen Nachkriegskünstlerinnen, nach denen immerhin eine Straße in Hamburg benannt worden ist…
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