Kompliment
mostro (12.03.2007)
Der Schanzenpark ist ein ganz eigener Platz: Am Rande des Viertels liegend ist er das grüne Refugium für viele der Bewohner, die beim geringsten Sonnenstrahl den Hang am Fuße des alten Wasserturms in Scharen bevölkern. Hier wird dann gelegen, gelesen, geredet, gekifft, gespielt, Musik gemacht - alles wild durcheinander, Boulebahnen wurden errichtet, auf der anderen Seite des Hügels findet im Sommer ein Freiluftkino statt, diverse Wanderbühnen bauen hier ihre Zelte auf, gleich drei Spielplätze sind wagenburgartig um die Grünflächen angelegt, dahinter liegt ein großer Sportplatz, der eigenartigerweise den Polizeisportverein beherbergt. Dahinter liegt das Kulturhaus SternChance (siehe dortige Beschreibung), an ihm Vorbei zieht sich der Wander- und Fahrradweg zum Fernsehturm, den man zu einem Spaziergang ins Univiertel oder in den Park von „Planten un Blomen“ prima weiter verfolgen kann. Im Sommer gibt es an der U-Bahn auch regelmäßig einen begehrten Flohmarkt, auf dem sich fast nur Amateure tummeln.
Diese Idylle sehen viele Parkliebhaber dadurch bedroht, dass der Wasserturm nach vielem Gezerre jetzt in ein Mövenpick-Hotel umgebaut wird. Schon jetzt ist sichtbar, dass der Eingangsbereich die Parkstruktur erheblich verändern wird, Flohmärkte werden vor den Hoteltoren sicher nicht stattfinden. Was der linke Stadtteilgeist aber viel mehr fürchtet, ist die Kundschaft des vornehmen Hotels. Die Angst gipfelt in der Vision, dass das Schanzenviertel – ursprünglich ein armes, günstiges Viertel für Studenten und Arbeiter mit hohem Ausländeranteil, vielen Kneipen und kleinen billigen Restaurants – langsam von Symbolen des hanseatischen Kapitalismus eingemauert wird: Der Streit um den Versuch der Errichtung eines kommerziellen Musicaltheaters in der „Roten Flora“ in den 80er-Jahren war der Beginn dieser Konflikte. Mittlerweile expandiert von der anderen Seite das neue kommerzielle Messegelände direkt in die Schanze – internationale Messekunden sind natürlich das Letzte, was sich die freakigen Schanzenbewohner wünschen. Allerdings wollen die meisten nicht realisieren, dass der Trend des Viertels bereits unaufhaltsam in die Richtung eines In-Viertels geht: Viele schicke Kneipen und Cafés kommen, die Mieten steigen horrend, das ehemals schmuddelige Schulterblatt wurde aufwendig saniert und heißt jetzt Piazza…
Auch ich als Bewohner des Viertels fühle Ambivalenz, wenn ich in der Bahn Scharen von Jugendlichen sehe, die quasi als Touristen in die Schanze gehen um zu sehen und gesehen zu werden. Jedoch hat das Viertel immer wieder Veränderungen durchgemacht, schon früher. Auch wir als Studenten waren bestimmt damals nicht allen willkommen, die schon länger hier gelebt hatten – und so muss man wohl gelegentlich und notgedrungen mit den Wechseln der Zeit Frieden schließen und das genießen, was das Viertel subjektiv lebenswert macht. Im Park ist zumindest immer noch viel Platz für alle und alles – und die Polizei ist hier auch vor 20 Jahren schon herumpatrouilliert.…
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