Kompliment
Angelika Fleckenstein (02.06.2007)
Es ist immer dasselbe: wenn ich eine große Auswahl zur Verfügung habe, wird mir das Angebot unüberschaubar. Ich verliere die Orientierung und kann mich nicht entscheiden. So geschehen bei der Auswahl eines Lokales für mein Abendessen.
Ich machte mich spät und über die Maßen hungrig auf den Weg durch Prenzlauer Berg und suchte nach einem netten Lokal, um gemütlich und genüsslich zu Abend zu essen. Dumm nur, dass ich zu lange wartete, zu spät losging und dann... leider alle netten Lokale [und in Prenzlauer Berg sind fast alle Lokale einladend] restlos besetzt waren. Ich verlor noch nicht die gute Laune, auch den Hunger nicht. Der wurde im Gegenteil noch größer.
Ich landete nach fast einer Stunde Spaziergang im „November“. Sonntagabend war ich dort noch mit Rik auf ein Bier eingekehrt und irgendein inneres Stimmchen meinte, hier würde ich etwas Gutes zu essen bekommen.
Gegen 20 Uhr nahm ich Platz an einem von zwei freien Tischen. Vielleicht saß ich ja ungüntig, jedenfalls nahm mich 20 Minuten lang zunächst mal niemand wahr. Mein Hunger wuchs ins Unermessliche und spätestens, wenn gleich mein Magen lauthals nach Futter knurren würde, käme ja vielleicht DOCH ein Kellner. Immerhin war der eine schon dreimal an mir vorbei gelaufen. War ich unsichtbar? Wir hatten uns sogar angeschaut! Aber nichts da! Er hatte wahrhaft alle Hände voll zu tun und hatte mich zwar angeguckt, aber nicht gesehen.
Endlich, endlich! Da steuerte ein anderer junger Kellner meinen Tisch an. Etwas verlegen fragte er, ob er mir jetzt erstmal eine Speisekarte reichen dürfe. Oh, bitte ja, ja, ja!!! Erleichtert lehnte ich mich zurück und wartete...
Ich beobachtete, wie dieser Kellner dann so ungefähr 3-5 mal aus dem Restaurant kam und wieder hineinging, ohne mich ein einziges Mal anzuschauen. Er trug Tabletts mit Getränken, mit Essen und leerem Geschirr raus und rein... aber keine Speisekarte.
Allmählich rührte sich eine ordentlich Portion Ärger in mir. Auch der hungrige Mensch kann aggressiv werden wie ein heißhungriger Löwe. Sollte ich aufstehen und gehen? Stocksauer! Wütend! Vor allen Dingen aber ungesättigt? Wer weiß, ob ich in einem anderen Restaurants jetzt einen freien Tisch bekäme und wie lange ich dort auf die Bedienung warten müsste. Aber der Ärger in mir drängte nach Ausbruch.
Während ich noch immer wartete, fragte ich mich, wieso ich eigentlich solch einen Ärger empfand. Im „November“ war die Hölle los, viele hungrige Gäste, nur zwei kleine Kellnerlein, die sich die Hacken abrannten, um sie zu bewirten... und ich... tja, wär' ich mal früher losgegangen. Ich hätte wahrscheinlich bequem einen Tisch ergattert und wäre zu einem Zeitpunkt zum Essen erschienen, an dem die Kellner nicht annähernd so hektisch beschäftigt wären wie gerade jetzt. Außerdem wäre mein Hunger erheblich geringer gewesen. Warum so ungeduldig? Ich hab doch Urlaub. Ich hab doch Zeit! Mein Ärger wurde kleiner, denn niemand außer mir selbst trug die Verantwortung für mein Befinden.
Da erblickte mich der kleine Kellner, führte seine Hand an die Stirn und in seinen Augen blitzte die Erkenntnis, dass er mich offensichtlich vergessen hatte und schaute schon wieder so entschuldigend, dass mein Ärger noch weiter verblasste. Kein Kellner vergisst einen Gast absichtlich. Letztlich lebt er davon, dass er ihn bedient.
Die Speisekarte kam mit einem freundlichen Lächeln und einem um Vergebung bittenden Blick angeschwebt.
„Es tut mir leid, dass ich Sie warten ließ“, Berliner Charme pur. Ich war geschlagen. Mein Ärger löste sich in niedliche kleine rosa Wölkchen auf.
Mittlerweile war es 20.40 Uhr. Der Magen knurrte grummelig vor sich hin. Wo bleibt das Futter?! Immerhin hatte ich schon mal ein frisches, kühles Becks vor mir stehen und der Magen freute sich über ein wenig Flüssiges. Meine Bestellung war auch unterwegs: Geflügelleber auf Zwiebelringen und Apfelschnitzen mit frischem Kartoffelpürree. Klang gut, und ich hatte irgendwie noch immer das Gefühl, dass mich die Speise für die elende Warterei entschädigen würde.
Punkt 21 Uhr eilte der Kellner mit seinem strahlendsten Lächeln und dem Teller mit dem dampfenden Gericht obendrauf auf meinen Tisch zu.
„Ach, tut mir so leid“, bedauerte er. „Aber wir haben momentan in der Küche einen Stau.“
Ich konnte mir ein Lachen nun nicht verkneifen und fragte zurück: „Wieso Stau? Stehen die Köche Schlange?“
„Nö“, antwortete er leicht verwirrt und lachte dann mit mir. „Wünschen Sie vielleicht noch Salz und Pfeffer?“
„Nein danke, ich vertraue Ihrer Küche.“
„Na, det is'n Wort!“
Er trabte von dannen und ich denk: wenn der wüsste, wie sauer ich vor einer halben Stunde noch war...
Und dann dieser Hochgenuss! Eine Geflügelleber, zart und kein bisschen trocken vom Garen, herzhafte Zwiebeln und Apfelschnitze und das Ganze mit wirklich frisch zubereitetem Kartoffelpürree! Absolut richtig gewürzt, Salz und Pfeffer waren definitiv nicht mehr nötig.
Wisst ihr, dass ein Essen erst dann richtig gut mundet, wenn man auch RICHTIGEN Hunger hat?
Als ich zahlte, lobte ich das Essen und beauftragte ein Kompliment an die Küche. Der kleine Kellner bedankte sich erneut für meine Geduld und ich zog zufrieden weiter.
Das „November“ ist ein wirklich gemütliches, sehr gut besuchtes Lokal [wie schon gesagt, eines von unzähligen] mit einer kleinen, feinen Speisekarte, eigentlich recht flottem Personal und einer angenehmen Atmosphäre. Auch Kellner sind nur Menschen!
Die Geflügelleber hat übrigens ganze 8 Euro gekostet. Da stimmt das Preis-Leistungsverhältnis dann auch noch. Das Becks trinkt man zünftig aus der Flasche. Für Nicht-Flaschen-Kinder gibt es natürlich auch gern ein Glas.
Stichworte
lecker, preiswert, gemütlich, gut, becks, blond, kühl, flasche
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