Fritzhotel, Schanzenstr. 101 -103, 20357 Hamburg
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01.01.2009 (aktualisiert am 04.01.2009)
GENTRIFICATION
Schlaflos an der Duftorgel
Ich will ja nicht den Veteranen mythischer Häuserkämpfe heraushängen lassen, aber das Schanzenviertel kenne und liebe ich seit der Zeit, als die ersten Linken und Autonomen sich des verarmten und versyphten Quartiers annahmen und es besetzten. Als Verbindungsmann für revolutionäre Ausländergruppen mehr oder weniger exotischer Provenienz (Iraner, Afghanen, Eritreer, Palästinenser, Kurden, Saharauis, etc.) verstärkte ich hier nach Kräften die anti-imperialistischen und internationalistischen Umtriebe Hamburger Studenten, stritt mich mit den Leuten vom KB-Nord und demonstrierte für die Freiheit von Völkern, deren Lebensräume ich auf dem Globus nur schwer hätte lokalisieren können. Hier entwickelte ich zur Hamburger Bereitschaftspolizei mein nachhaltig zwiespältiges Verhältnis, namentlich als die damals noch grünen Herren mir mit gezogener Waffe vor einer wildgewordenen Truppe persischer Savak-Agenten (Geheimpolizei des Shah) das Leben, oder doch immerhin die Gesundheit retten mußten. Wie peinlich war DAS denn! – Nun ja, das sind halt so Geschichten, wie sie Väter erzählen, die nicht im Krieg waren.
MACHT GELD BLÖD?
Von damals habe ich noch immer die Routine, gewohnheitsmäßig die Plakate zu checken, die z. B. rundum die Sternschanze kleben und von der Kreativität, der Kultur und den politischen Wutanfällen der jüngeren Generation künden. Mann, gibt es inzwischen talentierte GraphikerInnen und Gestalter! Ein Text-Plakat, kaum größer als DIN A 3, sprang mir besonders ins Auge. Es brüllte mir wortkarg, aber energisch sowie blutrot auf Himmelblau entgegen: “STOP GENTRIFICATION! GELD MACHT BLÖD!” Nun, diese Aussage sprach mich an. Nicht nur, daß der Verdacht, Geld mache blöd oder sei dazu jedenfalls in der Lage, zum Repertoire meiner eigenen stillen Vermutungen gehörte, mir spukte auch der Begriff “Gentrification” schon beim ersten Wiedersehen mit der Schanzenstraße seit 10 Jahren den ganzen Tag im Kopf herum. Wer den Fächern Humangeographie und Stadtsoziologie bislang ausgewichen ist und nicht zu den Lesern von taz & Co. gehört, weiß vielleicht gar nicht, was das ist: Gentrification.
GENTRIFICATION AN DER SCHANZE
Früher als Kinder hatten wir ein Spiel, dessen Witz ich heute gar nicht mehr begreife. Man dachte sich Begriffsdefefinitionen aus, die mit “X ist, wenn…” beginnen mußten, um dann möglichst absurd oder elliptisch zu enden. Also etwa: “Bimsstein ist, wenn man keinen hat, nimmt man grüne Seife”. In diesem Sinne könnte man sagen: Gentrification ist, wenn ein Slum-Viertel durch den Einsatz armer, aber kreativer Schichten zu einem In-Quartier wird, das so schick und hip ist, daß es sich nur noch reiche Yuppies leisten können, die dann dahin ziehen, um sich auch mal wie das arme, aber kreative Volk zu fühlen. Wikipedia drückt es etwas wissenschaftlicher aus:
“Gentrifizierungsprozesse laufen nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise werden die Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Die werten in einem ersten Schritt die Stadtteile auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Viele Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als die ansässigen Bewohner; Künstler etablieren sich und bringen weiter Kapital in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und Kneipen entstehen. Die Mieten steigen. Alteingesessene wandern wegen Mieterhöhungen ab. Auch die neu zugewanderten Studenten oder Künstler können sich die höheren Mietpreise nicht mehr leisten und siedeln sich in anderen Stadtteilen an. Eine neue, wohlhabendere Klientel siedelt sich an und setzt andere Lebensstandards durch. Immobilienunternehmen entdecken das Interesse und sanieren weitere Häuser luxuriös. Die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich.”
In etwa so scheint es mir mit der Schanze auch zu laufen. Unter der dünner werdenden Kruste alternativ-autonomen Schmuddel-Charmes entwickelt sich das Quartier zum hippen Szene-Viertel für Leute, die alles sind, nur nicht Angehörige der Szene; der Boom der IT-Unternehmen in der zweiten Hälfte der 90er hat eine Menge Geld Richtung Nord-St. Pauli und Eimsbüttel gespült.
“KOKSEN IST ACHTZIGER!” (Fritz-Kola) - KOMFORT IST FÜR WEICHEIER (fritz hotel)
Welche Kapriolen die Mixtur aus Alternativ-Kultur und Geld manchmal schlägt, kann man ausschnittsweise am fritzhotel studieren. Die vielen positiven Qype-reviews veranlaßten mich, hier abzusteigen. Als notorischer Prinz-auf-der-Erbse kann ich das viele Lob nicht unterstreichen. Das fritzhotel stellt sich “jung”, ja, d.h. Internet-Reservierungen klappen tadellos, das Personal ist aufgeschlossen, locker und freundlich, das Haus gibt sich cool, betont schnörkellos und unplüschig, was zunächst positive Erwartungen weckte. Ich hoffte auf eine ruhige Nacht, da ich den Qyper-Rat beherzigt hatte, ein Zimmer zum Hof zu buchen; für 93,00 € das Doppelzimmer (ohne Frühstück) erhoffte ich mir selbst unter Berücksichtigung Hamburger Preisverhältnisse eine einigermaßen komfortable Nacht.
Leider fand sich unter meiner Matratze nicht nur eine einzelne, sondern gleich ein ganzer Sack Erbsen. Zunächst entpuppte sich unser enges, lichtloses Hinterhofzimmer als derart deprimierend karge, schäbige, Gefängniszellen-ähnliche Bude, daß wir beinahe lachen mußten: Die theaterwissenschaftlich ausgebildete Gattin empfand das fahl Sparlampen-beleuchtete, beige-grau-braune Ambiente als perfektes Bühnenbild für eine ausgesprochen werktreue Kafka- oder Beckettt-Inszenierung. Wer es jemals stilgerecht finden sollte, in einem Hotelzimmer aus dem Leben zu scheiden: Hier findet er Ermutigung und Inspiration zum finalen Rettungsschuß! Wer indessen, wie manche Mit-Qyper, die Möblierung als “IKEA-Style” empfand, der ist aber sehr, sehr, sehr lange nicht mehr bei IKEA gewesen! Der eisengraue Stahltresor als Minibar, der würfelförmige stahlgraue 80er-Jahre-Mini-Fernseher, der aus Plastikfurnier-Imitat zusammengeklebte Kleiderspind, die minimalistischen Pappkleinmöbel – all das erinnert stlistisch eher an die JVA Ossendorf oder Moabit, nur daß es keine Stockbetten gibt, sondern zu schmale, zu weiche, unbequeme Matratzen. Immerhin: Nebeneinander.
SCHANZENFRITZ AN DER DUFTORGEL
Der Clou allerdings war, was man sich als Ersatz für den fehlenden, nur in den vorderen Zimmern gebotenen Straßen- und S-Bahn-Lärm ausgedacht hat: eine veritable Duftorgel! In den engen, einem lichtlosen Lichtschacht gleichenden Hinterhof des fritzhotel münden, unentwegt rund um die Uhr fauchend, rauschend und dröhnend, die Entlüftungsventilatoren einer Bäckerei, eines Döner-Betriebes sowie, besonders rasant, einer Spielhalle, in der angstschwitzende Spielsüchtige anscheinend unentwegt Zigaretten kettenrauchen, mutmaßlich im Akkord und mehrere gleichzeitig; der verzweifelt Schlaf suchende Gast, der unruhig auf der sumpfig weichen Matratze rotiert, wird im Wechsel mit den Dünsten halbgarer Aufback-Brötchen, dem Fett-Duft der Döner-Säulen sowie dem infernalischen Aschenbecher-Gestank begast und fällt, olfaktorisch multikulturell derart bedröhnt, von einem Albtraum in den anderen.
Diese Nacht fand ich weder preis- noch preisenswert. (Was kostet eigentlich eine Nacht in der Ausnüchterungszelle auf der Davidswache?) Nun überlege ich noch: Für diese Nacht knapp 100 € zu verlangen – ist das noch alternative Punk-Dreistigkeit (“Hasse ma hundert Maak?”) oder schon Folge der Gentrification?
5 Leser fanden dies lesenswert
02.01.2009, 01:03
Tja, dagegen war unser im Internet bzw. von meiner Frau in einem alten Brigitte-Beitrag entdecktes Galerie Hotel Sarah Petersen der absolute Volltreffer: http://www.qype.com/place/171695-Galerie-Hotel-Sarah-Pete…
17.01.2009, 10:45
Früher wurden einem in besetzten Häusern für lau bessere Übernachtungsmöglichkeiten angeboten. Mittlerweile muß man 100 Euro abdrücken um wenigstens geruchsmässig mitten im Leben zu stehen. Wen man das nicht toll findet, liegt es vielleicht einfach daran, dass man alt und skurril geworden ist…
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