Kompliment
mostro (04.11.2007)
Bei Wimbledon denkt der gemeine Europäer eigentlich ja immer nur an Tennis. Daß es sich bei Wimbledon um einen weitschweifigen Stadtteil im Süden Londons handelt und daß das Tennisstadion eigentlich nur ein kleiner Fleck auf der hiesigen Landkarte ist, der einmal im Jahr für ein paar Wochen aus einem sonst recht tiefen Dornröschenschlaf erweckt wird, ist vielen unbekannt. Wenn ich erzähle, daß ich in Wimbledon gelebt habe und nicht einmal im Tennisstadion war, behandelt man mich oft so, als wäre ich in Athen nicht auf die Akropolis sondern in eine verrauchte Spielhölle gegangen.
In Wimbledon lebte ich im "anderen" Teil am Fuße des Hügels - oben stehen die dicken Villen, unten an den verfallenden unkrautbewachsenen Schienen der privatisierten Bahnlinien stehen kilometerweise Arbeitersiedlungen aus dem späten 19. Jahrhundert, graubraune Ziegelreihenhäuser, kleine Sackgassen, engen Durchgänge und klapprige Fußgängerbrücken, die fast durchrosten.
Oben bei den reichen Villen ist aber nicht etwas ein spitzer Hügelgipfel sondern es beginnt ein Plateau, die Commons, ein riesiger wilder Park, der sich bis hinüber nach Richmond ersteckt und der praktisch lückenlos in den wunderbaren Richmond Park übergeht. Kontinentaleuropäern sei übrigens empfohlen in einem derartigen Areal ihre ersten Fahrradübungen auf britischem Boden zu machen um den tückischen Linksverkehr erstmal zu überleben - die Wege sind hier gut befahrbar und auf den wenigen Strässchen, die Autos benutzen dürfen, ist wenig Verkehr!
Aber zurück zu den Commons. Sie sind nicht wie der normale Europäer sich einen Park vorstellt, die Ausmaße sind einfach größer, der Zustand wechselt von gepflegtem Rasen zu wuchernden Waldstücken, plötzlich taucht eine alte Windmühle auf, ein kleiner stiller dunkler See, der merkwürdigerweise durch einen Damm vom Pfad getrennt einen höheren Wasserspiegel aufweist als die Wegeshöhe. An den Grenzen zur Zivilisation stösst man auf alte moosbewucherte Friedhöfe. Überall dominiert aber die Weite, hoher Himmel, ausgedehnte Wiesen, Freiheit - der Blick schweift, nur selten begegnet man anderen Spaziergängern, die man lieber Wanderer nennen will, so weit dehnt sich alles aus, man grüßt sich hier wie auf "echten" Wanderwegen!
Golfkurse fallen inmitten dieser unendlichen grünen Weiten kaum auf, so saftig, samtig, sanft ist der oft regennasse Rasen in die Landschaft gebettet, Vögel sausen scheinbar ungestört im Tiefflug über die Hügel, nur gelegentlich galoppiert ein Pferd (oder eifriger Hund) durch die Pfützen - das Wetter ist oft recht rauh hier oben, aber das stört nicht: Man kommt hierher um den Kontrast zur Stadt zu suchen, der um so wunderbarer ist, wenn man gerade noch die gezähmten weissen Villen der reicheren Viertel um sich hatte.
Eine Karte sollte man mitnehmen, sie macht vieles leichter - und natürlich wirklich stabiles Regenzeug, bitte keinen Schirm, der wäre wohl fatal. Und man sollte dann auch irgendwo am Rand des grünen Weite einkehren, einen heißen Tee nehmen, einen von diesen ländlichen Apple Pies oder Crumbles mit Custard, wenn man schön durchgepustet aus der Wildnis zurückkommt, einige alte Cafés warten in Wimbledon - auf der Richmonder Seite sieht es leider schlechter aus, da muß man erst den anderen Park auch noch durchqueren.
Im Sommer ist das Ganze natürlich lieblicher - aber ich bevorzuge hier einen mittleren Frühlingssturm, wie gesagt, wenn das Gras gerade so richtig saftig in allen Grünschattierungen strahlt und der Wind die grauen Wolkenberge geradewegs in die Hügelkuppen zu treiben scheint.....
Stichworte
park, grün, wind, wild, hügel, weit
Kommentare (9)
Bedenklicher Inhalt?